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Streitwerte bei Urheberrechtsverstößen (Filesharing)

RA Jens-Christof Niemeyer · 12.03.2010 (Update: 19.12.2011) · Druckversion

Die Streitwerte in Gerichtsverfahren wegen Urheberrechtsverstößen im Zusammenhang mit Tauschbörsen reichen von 275 € bis 695.000 €.

Die Frage, welcher Streitwert dem Unterlassungsinteresse in urheberrechtlichen Streitigkeiten wegen der unerlaubten öffentlichen Zugänglichmachung von geschützten Werken über Tauschbörsen zugrunde zu legen ist, wird von der Rechtsprechung sehr unterschiedlich beantwortet. Diese Zusammenstellung soll bei der Orientierung helfen bzw. einen Überblick geben.

Gliederung dieses Beitrags: Hamburger Streitwertkatalog · Frankfurter Praxis · OLG Celle gegen die Abschreckungswirkung von Streitwerten · tabellarische Übersicht von Streitwerten

Streitwertkatalog (LG Hamburg)

Im Jahr 2007 hat das Landgericht Hamburg für Tonaufnahmen einen Streitwertkatalog entwickelt (Az. 308 O 273/07), nach dem der Streitwert wie folgt berechnet wird:

1. Titel 2. bis 5. Titel 6. bis 10. Titel weitere Titel
6.000 € je 3.000 € je 1.500 € je 600 €

Frankfurter Rechtsprechung

Mit Urteil vom 13. Januar 2011 (Az. 2-03 O 340/10) fasste das Landgericht Frankfurt die dortige Handhabung zusammen: Die Umstände des Einzelfalls, etwa Aktualität und Popularität der Musikstücke, bestimmen den Streitwert. Ein Richtwert seien 10.000 €/Werk, die im Falle mehrerer hundert angebotener Werke jedoch nicht durch blindes Addieren den Streitwert bilden. In derartigen Fällen werden in Frankfurt wie in Köln 50.000 € pro Gläubigerin für angemessen erachtet.

Keine Abschreckung durch Streitwerthöhe (OLG Celle)

Zuletzt (7. Dezember 2011) hob der 13. Zivilsenat des Oberlandesgerichts Celle hervor, dass das Interesse im des geschädigten Rechteinhabers den Streitwert unter Berücksichtigung der Umstände des Einzelfalls bestimmt, eine Abschreckungswirkung dürfe nicht verfolgt werden. Der Beschluss betraf keinen Filesharing-Sachverhalt, die herausgearbeiteten Grundsätze sind jedoch übertragbar (13 U 130/11): Bei der gerichtlichen Schätzung des Streitwerts sei im Urheberrecht zu berücksichtigen,

wie und in welchem Umfang das geschützte Recht verletzt wird. Weiterhin ist das wirtschaftliche Interesse des Urheberrechtsinhabers zu berücksichtigen, etwa aufgrund möglicher Umsatzeinbußen durch das wettbewerbswidrige Verhalten […], bzw. des drohenden Lizenzschadens […].

Nicht gerechtfertigt sei es dagegen, den Streitwert aus generalpräventiven Gesichtspunkten zu erhöhen:

Es ist nicht Aufgabe der Streitwertfestsetzung bei der Geltendmachung von Unterlassungsbegehren, den Beklagten im Rahmen eines nur gegen ihn geführten Rechtsstreits wegen einer Urheberrechtsverletzung mit einem hohen Streitwert zu belasten, um potentielle weitere Nachahmer abzuschrecken […]. Soweit von anderen Oberlandesgerichten […] das Gebot der Abschreckung zur Verringerung einer Nachahmungsgefahr als Faktor für die Bemessung des Streitwerts postuliert wird, überzeugt dies nicht. Es ist Sache des Gesetzgebers und dem Zivilverfahren sachfremd, die Lücken des Schutzes von geistigem Eigentum aufzufüllen oder zu belassen und die negativen Folgen einer Verletzungshandlung für den Verletzer zu definieren […].

Streitwertübersicht

Die Übersicht ist innerhalb der Werkgattungen nach Beträgen aufsteigend sortiert und wird regelmäßig ergänzt.

Streitwert Erläuterung Gericht
275 € 1 Musikalbum, Entscheidung im Rahmen eines Prozesses über das Honorar des Anwalts des Abgemahnten AG Pankow/Weißensee (3 C 160/10) berechnete das Unterlassungsinteresse in Höhe des entgangenen Umsatzes. Das Rosenstolz-Album «Die Suche geht weiter» war nach dem Vorbringen der Rechteinhaberin gegenüber 25 Nutzern zugänglich gemacht worden.
1.200 € 1 Musikalbum, Entscheidung im Rahmen eines Prozesses über das Honorar des Anwalts des Abgemahnten AG Wildeshausen (4 C 497/09)
2.000 € 1 aktuelles Musikalbum (12 Titel), Entscheidung im Rahmen eines Gebührenstreits. AG Elmshorn (49 C 57/10)
2.500 € 1 Titel OLG Frankfurt/Main (11 U 52/07), in Anlehnung daran auch: AG Düsseldorf (57 C 15740/09)
3.000 € 1 Titel von Sampler (einstweilige Verfügung) OLG Köln (6 W 234/11)
3.000 € 1 Musikalbum (12 Titel), Entscheidung im Rahmen eines Gebührenstreits. AG Aachen (115 C 77/10)
5.000 € 1 Musikalbum, Entscheidung im Rahmen eines Gebührenstreits LG Magdeburg (2 S 226/10)
6.000 € 1 Musikstück LG Hamburg (308 O 139/06 und (308 O 220/06)), AG Hamburg (36a C 71/11)
10.000 € 1 Musikalbum (einstweilige Verfügung) OLG Köln (6 W 44/11)
10.000 € 5 Titel OLG Hamburg (5 W 173/06)
10.000 € pro Titel LG Köln (28 O 283/06, 28 O 384/06, 28 O 480/06, 28 O 501/06, 28 O 262/07, 28 O 596/09), LG Düsseldorf (12 O 594/07, 12 O 195/08, 12 O 51/10), LG Frankfurt/Main (2/3 O 19/07), AG Frankfurt/Main (29 C 549/08)
15.000 € 10 Titel OLG Hamburg (5 W 173/06)
15.000 € 4 Musikstücke LG Hamburg (308 O 220/06)
19.500 € 6 Titel LG Hamburg (308 O 326/07)
20.000 € 1 Hörbuch OLG Köln (6 W 22/10)
20.000 € 2 Musikstücke LG Hamburg (308 O 76/07)
20.000 € 1 Musikalbum LG Düsseldorf (12 O 134/09)
30.000 € 3 Musikstücke LG Köln (28 O 150/06)
50.000 € 1 Hörbuch (einstweiliger Rechtsschutz) LG Köln (28 O 350/10)
50.000 € 1 Musikalbum AG Hamburg (36A C 172/10), LG Köln (28 O 596/09, weder «besonders aktuell» noch «besonders erfolgreich»)
60.000 € 287 Dateien, negative Feststellungsklage LG Stuttgart (17 O 243/07)
70.000 € 7 Titel LG Köln (28 O 10/07), LG Köln (28 O 266/06)
100.000 € 1 Musikalbum (einstweiliger Rechtsschutz) LG Köln (28 O 421/09)
100.000 € 275 Audio-Dateien, an ca. 80% davon hielten 4 Verletzte Rechte (Streitwert je Verletzter) LG Düsseldorf (12 O 68/10)
160.000 € 4 Verletzte, insgesamt 543 Dateien, 40.000 € pro Verletztem LG Köln (28 O 241/09)
200.000 € zahlreiche Dateien von 4 verletzten Tonträgerherstellerinen (4×50.000 €) OLG Köln (964 Dateien, 6 U 101/09, änderte 28 O 889/08 ab), LG Köln (1.064 Dateien, 28 O 237/09), LG Düsseldorf (1.301 Dateien, 12 O 256/10), LG Frankfurt (zuletzt 5.272 Dateien, 50.000 €/Abmahner, klageweise wurden 4/6 der Anwaltskosten aus einem Gegenstandswert von 300.000 € geltend gemacht, da nur vier der sechs Abmahnerinnen klagten, 2-03 O 340/10)
220.000 € Betrieb eines eDonkey-Servers, 20.000 € pro Datei angemessen LG Hamburg (308 O 273/07)
400.000 € 3.749 Audio-Dateien, 4 Klägerinnen (je 100.000 €) LG Köln (28 O 202/10)
500.000 € Betrieb eines eDonkey-Servers LG Frankfurt/Main (2-18 O 123/08)
695.000 € 139 Titel (Verfahren gegen Usenet-Zugangsbetreiber, 100.000 € des Streitwerts entfielen auf Wettbewerbsrecht, verbleibende 4.280,57 € je Musikwerk nicht überhöht) OLG Hamburg (5 W 11/08)
Streitwert Erläuterung Gericht
1.200 € 1 Film AG Halle/Saale (95 C 3258/09)
10.000 € 1 Film (einstweiliger Rechtsschutz) LG Hamburg (308 O 321/10, 310 O 433/10), LG München I (21 O 1099/10, 21 O 1100/10, 21 O 1101/10)
10.000 € 1 Film LG Berlin (16 O 433/10), LG Magdeburg (7 O 1337/10, Porno), LG Hamburg (310 O 367/10)
20.000 € 1 Spielfilm LG Lübbeck (2 O 227/09)
20.000 € 1 Film (einstweiliger Rechtsschutz) LG Berlin (16 O 139/10, 16 O 143/10)
30.000 € 1 Film (einstweiliger Rechtsschutz) OLG Köln (6 W 44/10), LG Hamburg (308 O 345/09), LG Düsseldorf (12 O 97/10, 12 O 98/10, 12 O 101/10), LG München I (7 O 4716/10, 7 O 4717/10, 21 O 4329/10, 21 O 4337/10, 21 O 4655/10, 37 O 1103/10, 37 O 1104/10, 37 O 4668/10, 37 O 4669/10)
50.000 € 1 Spielfilm LG Köln (28 O 763/10)
50.000 € 1 Spielfilm (einstweiliger Rechtsschutz) LG Köln (33 O 90/10)
100.000 € 1 Spielfilm (einstweiliger Rechtsschutz) LG Köln (28 O 771/09)
Streitwert Erläuterung Gericht
10.000 € 1 Computerspiel LG Frankenthal (6 O 156/08), LG Köln (28 O 508/10)
15.000 € 1 Computerprogramm (Enzyklopädie) OLG Köln (6 W 20/09)
15.000 € 1 Computerspiel LG Saarbrücken (12 O 98/07)
20.000 € 1 Computerprogramm AG Magdeburg (140 C 2640/09 (140))
20.000 € 1 Computerspiel LG Hamburg (308 O 246/10)
20.000 € 1 Computerprogramm (Kfz-Diagnose, Verkaufspreis: 4.000 €) OLG Köln (6 U 31/10)
30.000 € 1 «Produkt» (wohl Multimedia-Enzyklopädie) AG Magdeburg (140 C 2323/09 (140))
30.000 € 1 Computerspiel LG Bielefeld (4 O 343/08)

Ausgangspunkt dieser Übersicht waren im März 2010 die eigene Entscheidungssammlung und die Erkenntnisse von Jens Ferner.

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RA Jens-Christof Niemeyer

RA Jens-Christof Niemeyer unterhält seine Kanzlei in Spenge, Kreis Herford. Die Beratungsfelder umfassen die Rechtsgebiete Zivil- und Wirtschaftsrecht, Internet und IT sowie Straßenverkehr. Nehmen Sie Kontakt auf, wenn Sie Fragen haben oder einen Termin vereinbaren möchten: Tel. 05225/8738444