AG Frankfurt am Main: Bagatellklausel ist bei Filesharing-Abmahnungen anwendbar
RA Jens-Christof Niemeyer · 04.05.2010 · Druckversion
Das Amtsgericht Frankfurt am Main wendet § 97a II UrhG auf Tauschbörsenfälle an.
Typische Filesharing-Fälle, also jene allseits bekannten, massenhaft abgemahnten Urheberrechtsverletzungen durch Tauschbörsennutzer, werfen eine Vielzahl ungeklärter Rechtsfragen auf. Eine davon dreht sich darum, ob die Anwaltskosten für die Abmahnung gemäß § 97a II UrhG auf 100 € begrenzt sind.
Es stehen sich zwei Lager gegenüber. Für die Begrenzung sprechen sich die Betroffenen aus, dagegen die Vertreter der Rechteinhaber. Trotz gewichtiger Argumente, etwa denen von Prof. Dr. Thomas Hoeren (CR 2009, S. 378f.), für die Anwendung der Bagatellvorschrift in Tauschbörsenfällen, ist entsprechende Rechtsprechung bisher nicht bekannt geworden. Bisher. Mit Urteil vom 18. Februar 2010 hat das Amtsgericht Frankfurt am Main (Az. 30 C 2353/09-75) sich ausführlich dieser Problematik angenommen. Das Gericht ist zu dem Ergebnis gekommen, dass alle vier Voraussetzungen der Norm vorliegen, die Anwaltskosten für die Abmahnung daher auf 100 € begrenzt sind.
1. erstmalige Abmahnung
In dem entschiedenen Fall, im welchen die Digiprotect Gesellschaft zum Schutze digitaler Medien mbH – unter anderem – Zahlung von Rechtsanwaltskosten in Höhe von 651,80 € begehrte, konnte die Erstmaligkeit der Abmahnung zwischen den Parteien unproblematisch festgestellt werden.
2. einfach gelagerter Fall
Wegen des Auskunftsverfahrens gemäß § 101 IX UrhG und dem damit einhergehenden geringen Rechercheaufwand sowie des üblichen Rückgriffs auf vorformulierte Abmahnschreiben, lag, so das Gericht, auch ein einfach gelagerter Fall vor.
3. unerhebliche Rechtsverletzung
Das Gericht hat die Rechtsverletzung auch als unerheblich angesehen. Dass Urheberrechtsverletzungen durch Tauschbörsennutzer nicht in der gerne zitierten Gesetzesbegründung aufgeführt sind, hält das Gericht nicht für ausschlaggebend, da die Aufzählung des Gesetzgebers nur beispielhaften Charakter habe. Weiterhin spricht das Gericht sich gegen den Rückgriff auf die zum gewerblichen Ausmaß in Sinne von § 101 UrhG entwickelten Kriterien aus, da hierdurch – was nicht gewollt sein konnte – die Anwendung der Bagatellklausel praktisch ausgeschlossen wäre.
4. außerhalb des geschäftlichen Verkehrs
Die streitgegenständliche Handlung habe sich zudem außerhalb des geschäftlichen Verkehrs ereignet, da die vorgeworfene Handlung nicht dem Verhalten eines gewerblich motivierten Täters entsprach. Dies wäre etwa durch eine Vielzahl von Verbreitenshandlungen oder eine erkennbare Gewinnerzielungsabsicht indiziert.
Weitere Gesichtspunkte der Entscheidung
Das Gericht hat neben – auf 100 € beschränkten – Anwaltskosten für die Abmahnung auch Schadensersatz in Höhe von 150 €, mehr war nicht verlangt worden, für angemessen erachtet.
Bedauerlich ist, dass das Amtsgericht sich – trotz gewichtiger Bedenken im eigenen „ Haus“ – für örtlich zuständig gehalten hat. Den Verweis des Beklagten auf das naheliegende Bestehen einer Pauschalvereinbarung bezüglich des Anwaltshonorars hat das Gericht nicht gelten lassen. Hierbei handele es sich um eine nicht durch Fakten substantiierte Vermutung.
Zudem ist darauf hinzuweisen, dass das Gericht den schlichten Hinweis auf eine bekannte Fehlerquote bei Ermittlungen von P2P-Urheberrechtsverletzungen nicht ausreichen ließ, um die Zuverlässigkeit des Ermittlungsverfahrens in Frage zu stellen. Hierzu hätte die Beklagte ihrer Ansicht nach unzutreffend dargestellte Bestandteile des von der Klägerin vorgelegten Sachverständigengutachtens qualifiziert benennen und erläutern müssen.
Fazit
Das Gericht erkannte der Klägerin nur 250 € statt ursprünglich begehrter 808,80 € zu und legte der Klägerin 69 Prozent der Kosten der Rechtsstreits auf. Dieser Teilerfolg für die beklagte Anschlussinhaberin kann als Lichtblick gesehen werden. Die Erwägungen des Gerichts stellen ein Zeichen der Vernunft dar. Es ist zu hoffen, dass andere Gerichte „nachziehen“. Tauschbörsennutzer sollten jedoch keine falschen Schlüsse ziehen, insbesondere keinen Freibrief für sich ableiten. Dies gilt umso mehr, da – wie auch dieses Urteil gezeigt hat – der Schadensersatzanspruch, der neben den Kosten der Rechtsverfolgung geltend gemacht wird, von der Bagatellvorschrift nicht erfasst wird.
RA Jens-Christof Niemeyer unterhält seine Kanzlei in Spenge, Kreis Herford. Die Beratungsfelder umfassen die Rechtsgebiete Zivil- und Wirtschaftsrecht, Internet und IT sowie Straßenverkehr. Nehmen Sie Kontakt auf, wenn Sie Fragen haben oder einen Termin vereinbaren möchten: Tel. 05225/8738444


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